Menschen wird bei der Geburt in den meisten Fällen das männliche oder weibliche biologische Geschlecht zugewiesen. In einigen Fällen entspricht diese Zuordnung aber nicht dem tatsächlichen biologischen Geschlecht (männlich, biologisch, oder inter). Darüber hinaus muss differenziert werden zwischen dem biologischen Geschlecht (Sex) und der sozialen Konstruktion des Geschlechts (Gender). Diese behandeln wir in getrennten Abschnitten zu Geschlechterrollen und geschlechtlicher Selbstidentifikation.
Das biologische Geschlecht
Geschlecht ist ein Konstrukt, das von der Gesellschaft verwendet wird, um Menschen, basierend auf biologischen Merkmalen und Fortpflanzungsfunktionen, in männlich und weiblich aufzuteilen. Bei der Geburt wird das biologische Geschlecht danach bestimmt, welche primären Geschlechtsorgane das Kind aufweist und dementsprechend in männlich oder weiblich eingeordnet. Diese binäre Sichtweise auf Geschlecht ist jedoch unzureichend. Die Realität ist viel komplexer und vielfältiger, als es das binäre Geschlechtsmodell zulässt.
Wir müssen die hegemoniale Vorstellung von Geschlecht als starres, binäres Konstrukt
hinterfragen und herausfordern. Wir müssen die Vielfalt anerkennen, in der biologische Merkmale, die auf das Geschlecht hinweisen, zusammen auftreten. Denn biologisch betrachtet gibt es nicht nur zwei, sondern drei Geschlechter: männlich, weiblich und intersexuell. Intersexuelle Menschen werden oft unsichtbar gemacht und diskriminiert, weil sie nicht in das traditionelle binäre Geschlechtsmodell passen. Sie weisen sowohl biologisch weibliche als auch biologisch männliche Merkmale auf. Ihre Existenz widerlegt die Vorstellung, dass Geschlecht einfach und klar definiert ist. Mehr dazu findet Ihr in unserem naturwissenschaftlichen Exkurs zum biologischen Geschlecht
Die soziale Konstruktion des Geschlechts
Als Marxist:innen erkennen wir, dass Geschlechterdifferenzen nicht biologisch determiniert sind, sondern durch gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse konstruiert werden. Das Patriarchat und der Kapitalismus sind eng miteinander verflochten und nutzen Geschlecht und Binarität als Instrument zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft. Der Begriff Gender beschreibt die soziale Konstruktion des Geschlechts – also dass dieses durch gesellschaftliche Normen und Machtverhältnisse im Kapitalismus geformt wird. Es muss unterschieden werden zwischen Gender-Rollen und Gender-Identifikation.
Geschlechterrollen als Fremdzuschreibung
Im patriarchalen Kapitalismus werden Menschen in die soziale Rolle der Frau und des Mannes geteilt. Eine ausführliche Darlegung dazu, wie diese Rollen unser Verhältnis zu einander prägen und was sie ausmacht, findet sich im Text „Reproduktion im Kapitalismus”.
Geschlechtsidentität
Die Reproduktion des sozialen Geschlechts erfolgt durch die Internalisierung und Akzeptanz gesellschaftlicher Normen und Erwartungen. Die Geschlechterrolle und das biologische Geschlecht werden Teil der eigenen Identität. Als Produkt der Sozialisation identifizieren sich Menschen häufig mit den ihnen zugeschriebenen Geschlechterrollen und begreifen sich selbst als Mann oder Frau. Die meisten machen sich nicht viele Gedanken über ihre Geschlechtsidentität und die soziale Bedingtheit der Faktoren, die zur individuellen Geschlechtsidentifikation führen. Viele Menschen aber, die sich der Rollenzuweisung aufgrund ihres biologischen Geschlechts oder aufgrunddessen, wie sie gelesen werden (männlich oder weiblich) nicht beugen wollen, begreifen sich z.B. als nicht-binär oder gender fluid.Sie identifizieren sich außerhalb der gesellschaftlich aufgezwungen Binarität.
Es wurde erkämpft, dass die geschlechtliche Selbstidentifikation außerhalb der Binarität von Mann und Frau mittlerweile immer mehr anerkannt wird. Der Kapitalismus lässt diese Entwicklung so weit zu, wie die Reproduktion des Systems dennoch von statten geht – die Menschen in dem Maße die ihnen zugeschriebene Geschlechterrolle erfüllen, wie es das Kapital zur Mehrwertgenerierung braucht. Dafür wird gesorgt, indem nicht-binäre und gender-fluide Menschen trotzdem systematisch in die Rollen reingedrängt werden, die sie entsprechend ihres biologischen Geschlechts und demnach, wie sie gelesen werden, zu erfüllen haben. Eine „abweichende” Selbstidentifikation kan das Individuum also innerhalb des Kapitalismus nur scheinbar befreien. Von dieser Binarität können wir uns erst dann vollends befreien, wenn die gesellschaftlichen Strukturen, die letztere aufrecht erhalten, überwunden werden.