Wer hat was von unserer Arbeit?
Die Reproduktionsarbeit unterliegt im Kapitalismus den Bedarfen der Mehrwertproduktion. Um produzieren zu können, kaufen Kapitalist:innen mit dem Lohn die Arbeitskraft ein. Diese produziert mithilfe der anderen Ressourcen, die die Kapitalist:innen für das spätere Produkt eingekauft hat, eine neue Ware. Diese Ware kann schließlich für mehr Geld verkauft werden, als von den Kapitalist:innen investiert wurde. Die Kapitalist:innen bereichert sich also während dieses Prozesses. Ermöglicht wird das durch durch das kapitalistische Wertgesetz.
Der Wert der Arbeitskraft bestimmt sich wie der der anderen Produktionsmittel über die abstrakte Arbeitszeit, die es zu ihrer Herstellung (zu ihrer Reproduktion) braucht. Das ist der Lohn. Marx schreibt hierzu: „Der Wert der Arbeitskraft löst sich auf in einer bestimmten Summe von Lebensmitteln. Ein Teil der Lebensmittel, zum Beispiel Nahrungsmittel, Heizungsmittel werden täglich neu verzehrt und müssen täglich neu ersetzt werden. Andere Lebensmittel wie Kleider, Möbel und so weiter verbrauchen sich in längeren Zeiträumen und sind daher nur in längeren Zeiträumen zu ersetzen. Waren einer Art müssen täglich, andere wöchentlich, vierteljährlich und so fort gekauft und gezahlt werden. Wie sich die Summe dieser Ausgaben aber immer während eines Jahres zum Beispiel verteilen möge, sie muss gedeckt sein durch die Durchschnittseinnahme Tag ein Tag aus.“
Der Wert der Arbeitskraft bestimmt sich also über den Wert der Güter und Dienstleistungen, die es zu ihrer und der Reproduktion ihrer Familienmitglieder braucht. Hinter diesem Wert der Arbeitskraft verschwindet aber die Arbeit, die es über die Herstellung der Güter zur Reproduktion hinaus noch braucht – die Reproduktionsarbeit zuhause. Obwohl das Haushalt schmeißen, Kinder großziehen, das Umsorgen und Pflegen von Angehörigen die Voraussetzung dafür ist, dass überhaupt täglich aufs neue produziert werden kann, wird nur ein Teil dieser Arbeit von dem Lohn mit vergütet. Das Mindestmaß ist dabei der Wert der unbedingt gebrauchten Waren zur Reproduktion (Nahrung, Wohnung, Kleidung). Wie groß der Teil der Reproduktionskosten ist, der darüber hinaus gezahlt wird, ist variabel. Je nachdem wie komplex die Lohnarbeit ist, investiert das Kapital mehr Geld in die Reproduktion. Ein Teil der Arbeit bleibt aber immer unbezahlt.
In der eingekauften Zeit des:der Arbeiter:in kann diese:r eine bestimmte Menge an Arbeit verrichten. Die übersteigt die Menge an Arbeit, die es zur Reproduktion braucht. Marx verdeutlicht das an einem Beispiel: „gesetzt in dieser für den Durchschnittstag nötigen Warenmaße stecken 6 Stunden gesellschaftliche Arbeit, so vergegenständlicht sich in der Arbeitskraft täglich ein halber Tag gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit“. Marx geht hier beispielhaft von einem zwölf stündigen Arbeitstag aus. Der Lohn der Arbeitskraft für diese 12 Stunden entspricht den sechs Stunden Arbeitszeit, die es für ihre Reproduktion braucht. Die Arbeitskraft produziert demnach in der mit dem Kapitalisten ausgemachten Arbeitszeit mehr als ihren eigenen Wert. Den dabei entstehenden Mehrwert eignet sich der Kapitalist an und erhält so seinen Profit.
Ein kurzer historischer Abriss
Um für die Kosten der Reproduktion nicht vollumfänglich aufkommen zu müssen, hat das Kapital die Reproduktionsarbeit historisch an die Frau übertragen, die bereits in vorausgegangenen Klassengesellschaften unterdrückt wurde. So konnte das aufstrebende Bürgertum im Übergang von der Feudal- zur heutigen kapitalistischen Gesellschaft auf bestehende patriarchale Strukturen zurückgreifen. Die Arbeit von Frauen galt seit der Entstehung des Privateigentums tausende Jahre zuvor bereits als minderbedeutend im Vergleich zu der von Männern. Sie besaßen weder wirtschaftlichen noch politischen Einfluss. Sie boten sich also als die gesellschaftliche Gruppe an, die im Kapitalismus für die Aufgaben zuständig sein soll, die zwar unerlässlich für den Erhalt des Systems sind, aber keine Wertschätzung und Bezahlung erfahren sollen. Aus der minderwertigen Stellung der Frau kann leicht argumentiert werden, dass diese keine Bezahlung für ihre Arbeit erhalten müsse. Mit der Durchsetzung des Kapitalismus ging auch einher, dass die soziale Reproduktion in einem getrennten, privaten Bereich von Frauen verrichtet wird.
Zuvor, in der Leibeigenschaft im Feudalismus, wurde sowohl Produktion als auch Reproduktion in der Familie getätigt. Rechtzeitig zur Industrialisierung hatte sich dann die freie Lohnarbeit in Fabriken herausgebildet. Der Mehrwert der Arbeit wurde von nun an durch die Fabrikbesitzer abgeschöpft. Um das zu ermöglichen, mussten Frauen aus der Produktion herausgedrängt und für die Reproduktion im Haushalt verantwortlich gemacht werden.
Die Verdrängung der Frauen aus der Erwerbsarbeit erreichte ihren Höhepunkt in der zweiten Häfte des 19.Jhd. Die Produktion von Stahl, Kohle und Eisen wurde zum wichtigsten Wirtschaftssektor. Dieser brauchte eine striktere Arbeitsdisziplin und gesündere, besser ausgebildete Arbeitskräfte als zuvor. So wurde mehr in die Reproduktion der Arbeiter investiert: Die Frauen- und Kinderarbeit wurde stark reduziert bzw. abgeschafft, die Löhne der Männer wiederum rapide erhöht und die allgemeine Schulpflicht eingeführt.
Die Gesetzgebung sichert die ökonomischen Verhältnisse, die das Kapital braucht, rechtlich ab, um den eigenen Gewinn zu steigern. Frauen wurden von Männern abhängig gemacht, indem ihnen der Rechtsanspruch auf den Lohn, den sie erwirtschafteten, verwehrt wurde und sie sich die Arbeitserlaubnis von ihrem Ehemann einholen mussten, kein eigenes Konto in der Bank haben durften. Frauenfeindliche Ideologie sichert dies weiter ab (siehe unser Text zu Antifeminismus und Faschismus)
Reproduktionsarbeit heute
Heute verrichten Frauen wieder mehr Lohnarbeit. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen sehen Frauen in der eigenen Erwerbsbeteiligung eine Emanzipation und gewinnen dadurch die Möglichkeit, finanziell unabhängiger von Männern zu sein. Frauen haben also für ihre Beteiligung auf dem Arbeitsmarkt gekämpft.
Zum anderen bringen seit dem Aufkommen des Neoliberalismus in den 80er Jahren nur wenige Jobs noch genug Geld ein, als dass davon eine Familie ernährt werden kann. So können die Reproduktionskosten für das Kapital auch weiter gedrückt werden: gehen zwei Familienmitglieder arbeiten, kann doppelt Mehrwert angeeignet werden. Die doppelte (aber durchschnittlich geringere) Bezahlung ist da für das Kapital leicht zu verkraften.
Frauen sind, obwohl sie auch lohnarbeiten gehen, immer noch diejenigen, die mehr Reproduktionsarbeit übernehmen. Reiche Frauen können es sich leisten, eine andere Frau, häufig migrantische Frauen, zu bezahlen, damit diese einen Teil der Reproduktionsarbeit übernimmt. Währenddessen sind Arbeiterinnen einer Doppelbelastung ausgesetzt. Durch den gender pay gap, die schlechtere Bezahlung von Frauen, werden Arbeiterinnen in dieser Doppelbelastung gehalten. Die Angewiesenheit des Kapitals auf günstige Reproduktion der Arbeitskraft bleibt unverändert. Sie sind überdurchschnittlich häufig in Teilzeit und Kurzzeitverträgen angestellt, werden in sogenannte Frauenberufe, bezahlte Care-Arbeiten, mit denen man weniger gut verdient, hineinsozialisiert, und verdienen im selben Job weniger als ein Mann.
Was bedeutet diese Spaltung zwischen den Geschlechtern für die proletarische Klasse?
“Die Stellung der Frau in der Gesellschaft ist immer ein Resultat aus den Arbeitsaufgaben, die ihr innerhalb eines ökonomischen Systems gegeben werden” (Kollontai, 1921). Wer produzierender Arbeit nachgeht, hat im Verlauf der Geschichte immer eine bessere gesellschaftliche Stellung gehabt. Sind Frauen also nicht, oder nur teilweise an der Produktion beteiligt, leidet ihre Wertschätzung darunter. Der Ausschluss von der kollektiven Arbeit und die Isolierung im eigenen Haushalt erschwert es ihr, am Klassenkampf teilzunehmen und sich mit anderen gegen ihre patriarchalen Fesseln aufzulehnen.
Der Mann als Lohnarbeiter und Oberhaupt der Familie wird währenddessen zum stellvertretenden Ausbeuter der weiblichen Arbeitskraft gemacht. Schließlich ist ihre reproduktive Arbeit die Bedingung dafür, dass der Mann zur Arbeit gehen und Mehrwert fürs Kapital erwirtschaften kann.
Mit der bürgerlichen Ehe, in der die Hausarbeit eine unentgeltliche Arbeit ist, hat der Mann die Möglichkeit, sich durch Heirat die reproduktiven Dienste der Ehefrau zu sichern. Ihr wird die Aufgabe zugeteilt, emotionale Sorge für ihn und die restlichen Familienmitglieder zu übernehmen. Dem Mann wird zugestanden, den Körper der Frau zum eigenen Stressabbau und Umgang mit der eigenen Unzufriedenheit zu missbrauchen – seine gesellschaftlich bedingten Emotionen privat zu entladen. Er hat also kurzfristig ein Interesse daran, die Abhängigkeitsverhältnisse in der eigenen Beziehung und das Patriarchat auf gesamtgesellschaftlicher Ebene aufrecht zu erhalten.
Dem gegenüber steht sein objektives Klasseninteresse. Die Abhängigkeit der Frau von seinem Lohn fesselt auch ihn an seinen Job, hindert ihn am Streiken, da er für seine Frau und sein Kind mitsorgen muss. Die Spaltung entlang des Geschlechts erschwert die auch für ihn notwendige Solidarisierung und Organisierung innerhalb der Arbeiter:innenklasse. Das Patriarchat steht Mann und Frau im Weg im Kampf gegen ihre Unterdrückung und Ausbeutung, für den Sozialismus.
Wie geht die Befreiung der Frau nach der Überwindung des Kapitalismus weiter?
Nachdem wir den Kapitalismus überwunden haben, muss die Reproduktionsarbeit kollektiviert werden. Es gab bereits verschiedene Ansätze und Ideen zur Vergesellschaftung der Reproduktion in der Sowjetunion. Z.B.: Kommunehäuser mit Gemeinschaftsküchen und Kantinen, Gemeinsames Aufziehen von Kindern, Kindergärten für alle, etc.
Es ist unsere Aufgabe, dass die Kollektivierung der Reproduktion nicht hinten angestellt wird hinter die anderen Bedarfe der Arbeiter:innenklasse. Das ist in der Sowjetunion geschehen. Und so wurden unter anderem bei den Maßnahmen zur Entlastung von Frauen gespart. Die patriarchale Denkweise konnte nicht überwunden werden. Durch die Kollektivierte Produktion versetzen sich Frauen dazu in die Lage, finanziell unabhängig von einer Partnerschaft zu sein.
Mit der bedürfnisorientierten Produktion geht einher, dass alle weniger arbeiten müssen. Schließlich wird nicht mehr für den Profit des Kapitals produziert. Weil die Arbeit unter vielen Leuten solidarisch und effizienter aufgeteilt wird, müssen alle weniger davon leisten und haben mehr Zeit, sich umeinander zu sorgen.
Diese Veränderungen der Produktionsweise, also materielle Veränderungen sind die Grundlage dafür, dass wir die patriarchale Denkweise, die auf dem Kapitalismus und vorausgegangenen Herrschaftssystemen aufbaut, revolutionieren können. Der “Überbau” also die patriarchale Ideologie befleckt uns auch im Sozialismus noch wie Muttermale. Es ist unsere kollektive Aufgabe, diese zu verlernen. Die Befreiung der Frau ist also im Sozialismus nicht abgeschlossen, der Kampf gegen die Patriarchale Ideologie muss auch hier weiter gehen.