Kapitel 5: Antifeminismus und Faschismus – Hand in Hand für die Herrschaft des Kapitals

Was ist Faschismus?
Beim Wort Faschismus denken viele zunächst an Ideologien die sich vor allem durch Führerkult, Antisemitismus, Rassismus und völkisches Denken auszeichnen. Das ist zutreffend, erfasst den Faschismus aber nicht in seiner Gänze. Der Faschismus muss stattdessen als die terroristische Diktatur des Kapitals verstanden werden, die im Fall der Krise den Kapitalismus „rettet“, indem sie seine bürgerlich-demokratische Hülle abwirft und durch eine reaktionäre und autoritäre Diktatur zum Schutz des Privateigentums ersetzt.

Der Faschismus radikalisiert die ohnehin autoritären Merkmale des Kapitalismus und hebt sie auf eine neue Stufe. Das betrifft nicht nur die politische Repression und Verfolgung bestimmter Menschengruppen sondern auch die ökonomische Ausbeutung. Im Namen des „Vaterlandes“, des „Führers“ oder einer anderen Projektionsfläche werden Gewerkschaften zerschlagen, Arbeiter:innenrechte abgeschafft und Zwangsarbeit eingesetzt. Doch auch die „private“ Sphäre des Haushalts und der Reproduktion sind davon betroffen. Der Kapitalismus, ob in seiner bürgerlich-demokratischen oder faschistischen Form, ist auf die unbezahlte Reproduktion der Arbeitskraff angewiesen. Diese wird auch heute schon vor allem von Frauen verrichtet. Im Falle einer faschistischen Herrschaft radikalisieren sich auch hier die Verhältnisse. Die Ausbeutung betrifft nicht nur die Lohnarbeit sondern auch die unbezahlte Reproduktionsarbeit. Frauen wurden im faschistischen Deutschland schrittweise immer weiter aus der Erwerbstätigkeit gedrängt und ihnen die Rolle als Mutter aufgezwungen. Wie das aussah, wollen wir hier an ein paar Beispielen ersichtlich machen.


Faschistische Politik in der Praxis
Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, sahen sie sich mit einer sinkenden Geburtenrate konfrontiert. Sie erklärten, das Problem sei auf die Frauenbewegung zurückzuführen, die ein Teil der internationalen jüdischen Verschwörung zur Unterwanderung des deutschen Volkes sei. Ab 1936 wurde Unfruchtbarkeit bei verheirateten Frauen als Krankheit eingestuft und konnte somit von der Krankenkasse kostenlos behandelt werden. Im Jahr 1938 wurde vorsätzliche oder vorzeitige Unfruchtbarkeit zum Scheidungsgrund erklärt. Das äußerte sich auch in der Propaganda der Nazis. Das wohl bekannteste Beispiel ist das sogenannte „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“ oder kurz „Mutterkreuz”. Dieses wurde in Gold für acht Kinder, in Silber für sechs Kinder und Bronze für vier Kinder an Mütter verliehen, die so für ihren Beitrag zur „Volksgemeinschaft“ geehrt werden sollten. Das Mutterkreuz hatte noch eine weitere Konnotation: Es erinnerte an das „Eiserne Kreuz“, eine Kriegsauszeichnung, und deutete somit an, dass die „Leistung“ der Frau, Kinder zu gebären, ebenfalls ein Beitrag zum Krieg ist.

Die Einbeziehung der Frau in die Ökonomie des NS Staates lässt sich in drei Phasen unterteilen: In der ersten Phase von 1933 bis 1936 wurden Frauen im Grunde auf ihre Tätigkeit als Hausfrauen und ihr Dasein als Mutter reduziert. Damit waren sie auf reproduktive Arbeit beschränkt.

Die zweite Phase von 1936 bis 1939 wurde durch den stärker werden- den Arbeitskräftemangel eingeleitet. Dieser führte zur Einbindung der Frauen in die NS-Ökonomie. Mit der sich verändernden ökonomischen Situation wurde auch die legitimierende Ideologie angepasst. Die „Rückführung der Frau ins Berufsleben“ wurde von der Propaganda nun als staatspolitische Pflicht forciert.

Die dritte und letzte Phase, die von 1939 bis 1945 ging, war stark durch den zweiten Welt-
krieg geprägt. Der Frauenanteil unter den Beschäftigten war im Jahre 1939 mit 37 Prozent bereits vergleichsweise sehr hoch. Dieser Anteil stieg vor allem durch die Einberufungen vieler Männer, die absolute Zahl der Frauen erhöhe sich nur marginal, bis 1944 auf über 50 Prozent. Obwohl bereits am 15. September 1939 das Reichsarbeitsministeri- um die Notwendigkeit einer weitgehenden Beschäftigung von Frauen in der Rüstungsindustrie verfügte, sanken die Zahlen zunächst. Auch der Apell im März 1941, der unter dem Titel „Deutsche Frauen helfen siegen!“ Frauen bewegen sollte, in kriegswichtiger Industrie zu arbeiten, war nicht erfolgreich. Die Führung der Nazis, der sich die Grenzen ihrer Propaganda aufzeigte, reagiert darauf mit der Kürzung vom Familienunterhalt. Diese Beispiele zeigen, dass Frauen in faschistischen Regimen in die Aufgaben gedrängt
werden, die dem „Volkskörper“ gerade am ehesten dienen. Propaganda macht Stimmung für die Veränderungen in der Familienpolitik und dient dazu, die Unterdrückung der Frau abzusichern.

Männlichkeit und Faschismus
Die Kategorie Geschlecht hat in den letzten Jahren in der faschistischen Bewegung vermehrt an Bedeutung gewonnnen und ist neben dem starken Bezug zum Volk auch ein zentraler Bestandteil der faschistischen Ideologie. Bereits in der Anfangsphase des Faschismus spielte Männlichkeit und die mit ihr verbundenen Attribute eine wichtige Rolle in den faschistischen Bewegungen. Benito Mussolini, der seinen Faschismus weniger als Ideologie, sondern als Bewegung der Tat verstand, äußerte sich so: „Man fragt uns immer nach Programmen. Wir haben deren schon zu viele. Zur Erlösung […] sind keine Programme nötig, sondern Männer und Willenskraft“.

Faschistische Männlichkeit beruht auf Attributen wie Stärke, Härte, Reinheit, Wehrhaftigkeit, Heldenmut und damit „männlicher Schöpfungskraft“. Auch heute sehen wir diese enge Verbindung: Die AfD ist zwar nicht mit der NSDAP gleichzusetzen. So sind ihre Organisationsform und der historische Kontext, indem sie entstanden ist, andere. Während die NSDAP eine durch und durch faschistische Partei war, gibt es in der AfD weiterhin Flügelkämpfe. Wenn Björn Höcke, AfD Landesvorsitzender in Thüringen sagt: „Das große Problem ist, dass Deutschland, dass Europa ihre Männlichkeit verloren haben. Ich sage, wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken, denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft und wir müssen wehrhaft werden.“ wird jedoch klar, worauf Teile der AfD mit ihrer Idee von Männlickeit hinaus wollen.

Etwas niedrigschwelliger drückt es Maximilian Krah, ebenfalls AfD aus: „Echte Männer sind rechts, echte Männer haben Ideale, echte Männer sind Patrioten, dann klappt es auch mit der Freundin“. Mit solchen vermeintlich harmlos wirkenden Dating-Tipps wie diesen fischt er in der INCEL-Szene. INCEL steht für Involutary Celibat (dt. unfreiwilliges Zölibat) und stammt aus rechten Internet Foren. Hier tauschen sich Junge Männer über Antifeminsitische Theorien aus und verbreiten Vergewaltigungsphantasien, fabulieren gar von „State Mandated Girlfriends“ und vermengen dies noch mit rassistischen Beschimpfungen und Verschwörungstheorien. Dieses Gedankengut hat bereits mehrfach zu Morden an Frauen geführt.

Faschismus und Antifeminismus treten nicht zufällig zusammen auf, sondern haben eine gemeinsame ökonomische Basis. Die idealtypische Rolle der Frau, die auf ideologischer Ebene propagiert wird, speist sich aus der sozioökonomischen Position der Frau in der faschistischen Gesellschaft. Daher sind ideologische Parallelen zum faschistischen NS-Regime von 1933 bis 1945 und den Programmatiken diverser rechter und neofaschistischer Gruppierungen und Parteien kein Zufall. Die mobilisierende Funktion des Antifeminismus als Abwehrkampf gegen die „dekadente Moderne“ ist darüber hinaus aus strategischer Sicht, damals wie heute, eine Brücke zu traditionell-konservativen Ideologien. Feministischer Befreiungskampf und Antifaschismus müssen daher nicht nur zusammen gedacht, sondern auch zusammen praktiziert werden.